Stellen Sie sich bitte vor Sie leben in einem Land, in dem Vergewaltigungen mit einer Gefängnisstrafe bestraft werden. Ein Gericht höherer Instanz lehnt eine solche Strafe in einem konkreten Fall aber ab, weil der Vergewaltiger dann ja gar nicht mehr seiner Leidenschaft nachkommen kann. Glauben Sie nicht? Im Fußball ist so etwas ähnliches heute passiert.

Vor einem Jahrzehnt war Fußball noch ein echter Wettkampfsport. Auf dem grünen Rasen wurde verbissen gekämpft und der Bessere gewann am Ende Spiel und Titel. Da ist zwar etwas Verklärung dabei, aber so in etwa ist es wirklich gewesen.

Dann aber kamen böse Männer mit ganz viel Geld und zweifelhaften Absichten: Investoren. Fußballspiele wurden nun nicht mehr auf, sondern abseits des Platzes entschieden. Wer mehr Nullen auf seine Spielerverträge schreiben konnte, gewann nun Spiele und Titel. Harte Arbeit und solides Wirtschaften wurden unnötig.

Daraufhin reagierte die UEFA (der europäische Fußballverband) mit einer Regelung. Geschaffen wurde das Financial Fairplay. So wie ein Kartellamt die Märkte reguliert, wollte die UEFA sicherstellen, dass allen Ausgaben von Fußballvereinen auch tatsächliche Einnahmen gegenüber stehen. Gelder, die wirklich verdient und nicht einfach nur von den zwielichtigen Investoren gesponsert wurden.

So richtig funktioniert hat das aber zunächst nicht. Die Investoren konnten schalten und walten wie sie wollten. Ihre Vereine konnten z.B. aberwitzige 400 Millionen Euro für zwei neue Spieler ausgeben. Damit war am 27. Juni 2018 Schluss. Der AC Mailand wurde bestraft, weil er anstatt der erlaubten 30 Millionen Euro ein Minus von 200 Millionen Euro bei seinen Transfergeschäften gemacht hatte.

Doch heute wurde dieses Urteil durch den Internationalen Sportbund (CAS) aufgehoben. Wegen Unverhältnismäßigkeit! Das definiert die Verhältnismäßigkeit auf paradoxe Art völlig neu, wie die zwei folgenden Beispiele verdeutlichen:

Beispiel 1: Verhältnismäßigkeit wie man sie bisher kannte

Ein Verein erreicht die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb, weil er mehr Geld für neue Spieler ausgegeben hat als erlaubt ist. Nur deswegen ist er besser als andere Vereine, die nur das erlaubte Geld ausgegeben haben. Der unfaire Verein darf deswegen nicht international spielen, weil er sonst ja Gelder und attraktive Fußballspiele erschlichen hätte, die eigentlich dem fairen Verein zustehen.

Beispiel 2: Verhältnismäßigkeit wie man sie nun kennt

Strafen werden nun nicht mehr aus Basis der Anklage festgelegt. Stattdessen wird zunächst ermittelt, was dem Täter seiner Meinung nach zugemutet werden kann. Im zweiten Schritt wird dann ein Urteil gefällt, was im Verhältnis zu der zuvor vorgenommenen Selbsteinschätzung des Täters steht.

Diese neue Verständnis der Verhältnismäßigkeit ist zwar nach den neuen Kriterien schlüssig, widerspricht aber dem vorherrschenden gesunden Menschenverstand und erfüllt deswegen lehrbuchhaft die Voraussetzungen eines Paradoxon.

Das Paradoxon ist aber sehr praktisch, vor allem für den einfachen Menschen. Sie wollen Steuern hinterziehen? Den Parkzettel nicht bezahlen? Die Zeche prellen? Tun Sie das doch einfach und warten das Gerichtsurteil ab. Dann reichen Sie Klage bei einer höheren Instanz wegen Unverhältnismäßigkeit ein und legen die Füße hoch. Das Problem erledigt sich dann von selbst.

Gerne würde ich an dieser Stelle meine Rechtsberatung weiter führen, doch ich habe andere Pläne für den Abend. Mein Nachbar hat seit drei Wochen einen Ferrari im Carport stehen und wollte mich bisher nicht damit fahren lassen. Ich reiße mir nun sein Auto unter den Nagel und fahre übers Wochenende an die Ostsee. Das wird sicher ein verhältnismäßig guter Wochenendtrip. Bis neulich.

Bild: johnhain