Viele Menschen legen derzeit die französische Flagge über ihr Profilbild in Facebook, um die Solidarität mit den Opfern und Hinterbliebenen des Terroranschlags in Paris zu zeigen. Dies hat Kritiker auf den Plan gerufen. Ihnen geht das Mitgefühl zu weit, schließlich würden in anderen Teilen der Erde viel mehr Menschen sterben oder viel größeres Leid ertragen müssen.

Ich finde diese Kritik berechtigt und zeige schon seit längerer Zeit im Alltag kein übertriebenes Mitgefühl mehr. Neulich hat sich Frau Z., eine Rentnerin aus der Nachbarschaft, das Bein gebrochen. Sie hat mich gebeten für sie die Pflanzen zu gießen und einkaufen zu gehen. Das habe ich abgelehnt.

Ich habe darauf verwiesen, dass es vielen Senioren noch schlechter ginge als ihr. Sie können gar nicht mehr laufen, während sie immerhin noch an Krücken gehen kann. Und nicht wenige sind finanziell schlechter gestellt und können sich keinen Helfer vom Sozialdienst leisten, den sie mit ihrer Rente durchaus finanzieren kann.

Das war ein hartes Gespräch für mich. Denn eigentlich mag ich die alte Dame sehr. Aber Mitgefühl kann man sich heutzutage nicht mehr leisten. Das macht nur angreifbar. Fragen sie mal bei Angela Merkel nach. Seit sie in der Flüchtlingskrise Mitgefühl gezeigt hat, geht es in den politischen Umfragen bergab.

Aber wir zeigen auch für die Ärmsten der Armen kein Mitgefühl. Wie leicht könnten wir z.B. dem Hunger auf der Welt ein Ende setzten? Oder aufhören die ärmsten Länder der Welt weiter auszubeuten? Oder keine Waffen mehr in Kriegsgebiete liefern? Aber das tun wir nicht. Das Mitgefühl haben wir längst abgeschafft. Irgendwann wird das auch in Facebook so ein. Wir Kritiker arbeiten dran.